Mittwoch, 12. April 2017

Was bisher geschah

Seit fast zehn Jahren lebe ich nun so. Wie, fragst du dich? Ich werde es dir erklären.

Mit etwa 13 Jahren begann ich mit unregelmäßigen Durchfällen die Schule ausfallen zu lassen. Mal von Mama und Papa entschuldigt, mal nicht. Ich war grottenschlecht in der Schule - das Kind mit den "Bauchschmerzen"....jaja, die wollte doch einfach nicht zur Schule gehen, klassisch.

Mit 14 Jahren hörte ich mit dem Hockeyspielen auf. Sport macht wenig Spaß, wenn man ständig auf die Toilette rennt.
Mit 16 Jahren entschied ich mich für einen ein-jährigen Auslandsaufenthalt in den USA. In diesem Jahr schob ich meine immer häufiger auftretenden Bauchprobleme auf die Andersartigkeit des Essens...und nahm zu allem Überfluss trotz täglichem Zwang, Sport zu treiben, 15 kg zu.
In dieser Zeit verändertet sich die normalen Bauchschmerzen in alle denkbaren Formen. Unabhängig von dem, was ich (und ob ich überhaupt etwas) zu mir nahm, quälten mich regelmäßig mal unerträgliche mal leichte pockernde, dumpfe, stechende (...) Bauchschmerzen. Mal so mal so, ich konnte nichts tun, außer Immodium in unvorstellbaren Mengen zu futtern und somit durch den Tag zu kommen. In dieser Zeit lagen zwischen den "Attacken" mal Wochen, mal Stunden.
Als ich wieder zurück nach Deutschland kam, änderte sich trotz der Nahrungsumstellung allerdings überhaupt gar nichts.
Ich lief von einem Arzt zum nächsten, ließ Blut,Urin und Stuhl auf alle erdenklichen und underdenklichen Eventualitäten testen. Ich probierte alle empfohlenen Diäten und wurde auf alle Lebensmittelunverträglichkeiten untersucht, die den Ärzten einfielen. Ich ließ Magen und Darm spiegeln und bekam immer wieder gesagt "Sie haben nichts, wir können Ihnen hier nicht helfen". Mit Bauchschmerzen quälte ich mich inzwischen täglich herum und konnte oft das Haus nicht verlassen.
Keiner fühlt sich verantwortlich, keiner kann was tun.
Irgendwann begann ich mich zusätzlich immer wieder immer schlapper zu fühlen. Immer müde, immer am schlafen und  ständig unkonzentriert. Teilweise ziemlich vergesslich und immer öfter schmerzgeplagt im Nacken-, Kopfbereich. Am Anfang alles ganz harmlos, über die Jahre allerdings teilweise kaum auszuhalten, ABER: "Sie haben nichts"
Im Oktober 2015 fuhr ich nach Rostock zu einem spezialisierten Internisten. Ich hatte ein Jahr auf den Termin gewartet, konnte teilweise nicht mehr richtig am Leben teilnehmen und setzte all meine Hoffnung auf den Mann.
Dieser Doktor unterhielt sich einige Stunden mit mir, stellte Fragen und schickte mich nach Hause.
Am nächsten Morgen erklärte er mir, dass ich einen Halswirbelsäulenschaden hätte und schickte mich in Hannover zum Upright-MRT. Außerdem verordnete er eine Unmenge an Spurenelementen und hochdosierten Vitaminen, um meinen Körper wieder auf Trab zu bringen. Er erklärte mir, dass  die Wände meiner Körperzellen nicht durchlässig für alle Nötigen Nährstoffe und auch Glukose seien und ich somit nur auf "Sparflamme" funktioniere.
Leider half mir die Einnahme all dieser Mittelchen auch auf lange Sicht nicht.
Im MRT, das im Sitzen durchgeführt wurde, wurde allerdings tatsächlich ein HWS-Schaden diagnostiziert. Ein geringer nur, der allerdings große Auswirkungen zu haben scheint.
Allerdings reichte auch dieser "Beweis" nicht aus, um eine Diagnose für meinen Gesamtzustand zu stellen.
Seit Januar 2016 bin ich seit wöchentlich in physiotherapeutischer Behandlung.
Dort versuchen wir, die Nackenmuskulatur zu stärken, sodass der Schaden ausgeglichen werden kann.
Die Hoffnung auf Genesung habe ich allerdings aufgegeben, nachdem mein Therapeut mir eröffnete, dass wir lediglich der Geschwindigkeit des Verfalls entgegenarbeiten.
"Dann werden sie erst mit 60 und nicht mit 40 Jahren arbeitsunfähig sein, Frau O."
Er vermutet, dass durch den Schaden der N. Vagus (ein Hauptnerv) gereizt wird und somit die ewigen Durchfälle verursachen.

Gegen Mitte des Jahres verschrieb meine inzwischen sehr ratlose Hausärztin mir Tramadol, ein schwaches Opioid gegen die Schmerzen.
Inzwischen, im Jahr 2017 angekommen, bin ich bei der fünffachen der eigentlich verschriebenen Dosis angelangt, um mein Leben stemmen zu können (retardiert UND unretardiert). Trotzdem sitze ich oft nachmittags vor Erschöpfung weinend im Auto und kann mich vor Schmerzen nicht lange aufrecht halten. Einen großen Vorteil hat Tramal neben der schmerzlindernden Wirkung - es lähmt den Darm und befreit mich somit von den jahrelangen Durchfällen.
Jetzt haben wir das Jahr 2017.
Ich bin in der Ausbildung zur Ergotherapeutin. Zu Beginn der Ausbildung habe ich mir fest vorgenommen, den Eindruck einer normalgesunden Schülerin zu machen, denn eigentlich "hab ich ja nichts"...das hat allerdings nicht lange funktioniert, denn schon bald hatte ich durch viele Fehlzeiten und phasenweise ständiges Zuspätkommen Angst, den Eindruck zu erwecken, ich sei einfach nachlässig und faul.
Einige Dozenten sind sehr verständnisvoll, anderen ist es mehr oder weniger egal. Ich bin nur froh, dass ich den falschen Eindruck hoffentlich korrigieren konnte,
Dank der Schmerzmittel komme ich meistens mehr oder weniger gut durch den Vormittag. Die meisten Tage sind mit Schulschluss allerdings vorbei für mich, dann falle ich bloß noch kaputt ins Bett.


Im Alltag spiegelt sich das Schlimmer-werden der Symptome jedoch immer häufiger und stärker wieder. Oft vergesse ich einfach, was ich eben gemacht habe, kann mir vieles nur sehr schwer merken. Manchmal habe ich so starke Schmerzen, dass ich nicht aufstehen kann und möchte oder stehe einfach so sehr neben mir, dass ich weder eine Treppe laufen, noch Auto fahren kann und möchte. Zeitweise zittere ich stark und schwitze vor Schmerzen.
Erst letzte Woche wollte ich einkaufen gehen. Als ich auf dem Parkplatz ankam, konnte ich nicht mehr geradeaus denken. Ich wusste kaum, wie man das überhaupt macht mit dem einkaufen. Solche Dinge jagen mir natürlich große Angst ein, ich ärgere mich über meinen eigenen Körper, der mich mein Potenzial nicht ausschöpfen lässt.
- und das, obwohl ich doch versuche, ein normales Leben zu führen. Ein Leben ohne Diagnose.

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